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Einheits-Derby und Flunker-Aufstieg: Bodo Brandt-Chollé im Interview

Als Schiedsrichter bis in die 2. Bundesliga und als Assistent in die 1. Bundesliga brachte es Bodo Brandt-Chollé in seiner aktiven Schiri-Karriere. Dabei pfiff er 1990 das „Einheits-Derby“ zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union im Olympiastadion, erlebte einen verfrühten Aufstiegs-Platzsturm im Hamburger Millerntorstadion und machte Bekanntschaft mit Stars auf dem Platz sowie abseits des Sports. Anschließend ging es für den Referee ins Verbandsehrenamt, wo er unter anderem fast sieben Jahre als BFV-Präsidialmitglied Schiedsrichter agierte. Warum er sich von Schauspieler Axel Prahl fotografieren ließ, weshalb früher Union-Fahnen bei Hertha-Heimspielen hingen und wie man aus einem Elfmeter- spontan einen Abpfiff macht, darüber spricht das heutige Ehrenmitglied des BFV-Ältestenrates im Interview:

Bodo, 1979 hast du deine Schiedsrichterausbildung im BFV absolviert. Worin lag seinerzeit dein Anreiz, als Schiri auf den Fußballplätzen pfeifen zu wollen?

Ich war Spieler bei der SpVgg Berlin 74, dem späteren Post SV Berlin, und war seinerzeit auch als Geschäftsführer tätig. Wir mussten damals Strafgebühren bezahlen, weil wir keine Schiris gestellt haben, worüber ich mich sehr geärgert habe. Genau so habe ich mich auch immer über die Leistungen der Schiris geärgert, mit denen ich oft nicht ganz einverstanden war. Und dann sagte irgendwann mein Trainer zu mir: ‚Weißt du, Bodo, wenn du Interesse an der Schiedsrichterei hast, ich glaube, da kannst du mehr erreichen wie als Spieler‘. So kam es, dass ich mich für die Ausbildung angemeldet habe.

Erinnerst Du dich noch an dein erstes Spiel als Unparteiischer?

An mein erstes Spiel erinnere ich mich ehrlich gesagt nicht mehr, nur an mein erstes etwas höherklassiges Spiel, das ich im Patenschaftssystem im Mommsenstadion geleitet habe. Da war ich natürlich ganz aufgeregt, dass zum ersten Mal jemand zuguckt und darauf achtet, wie ich pfeife. Ich habe damals den Achim Wahl, der mir als Coach zugeteilt worden war, vorher mit dem Auto zu Hause abgeholt und bin mit ihm dort hingefahren. Und das war dann so: Der hat vor dem Spiel nichts gesagt, der hat in der Halbzeitpause nichts gesagt und der hat nach dem Spiel nichts gesagt. Als er dann auf dem Rückweg aus dem Auto aussteigen wollte, habe ich ihn irritiert gefragt, ob er mir denn vielleicht mal noch etwas zum Spiel sagen würde. ‚Ja‘, sagte er ‚Das war gut, du wirst schon deinen Weg machen‘.

Ein denkwürdiges Spiel unter deiner Leitung war im Jahr 1990 das Freundschaftsspiel zwischen Hertha und Union im Olympiastadion anlässlich der deutschen Wiedervereinigung. Welche Erinnerungen hast du an dieses außergewöhnliche Spiel?

Das war totale Freude. Da war auf keiner Seite irgendein Hass auf den Gegner zu spüren, sondern es lag tatsächlich eine große Freude in der Stadt, die sich dann auch ins Stadion übertragen hat. Eine persönliche witzige Erinnerung: Das Spiel wurde damals von der Deutschen Post gesponsert und ich war Mitglied beim Post SV Berlin. Und die ganze Veranstaltung war ja eine Riesensache mit vielen Prominenten und alles wurde groß vermarktet. Dann stand der Vorstandschef der Post vor mir und meinem Gespann und hat ein paar nette Worte gesagt, da meinte ich zu ihm, dass ich aber schon ein bisschen enttäuscht sei. ‚Warum?‘, fragte er. ‚Naja‘, sagte ich ‚Ich gehöre dem Post SV an, sie sind hier der Hauptsponsor und wir Schiedsrichter kriegen nicht mal ein Präsent, kein Andenken, nichts‘. Da ist er hochrot geworden, ist rausgegangen, kam nach fünf Minuten wieder und dann haben wir alle ein Album mit den damals gültigen Postwertzeichen bekommen. Das war eine schöne Erinnerung und die ganze Veranstaltung generell ein großartiges Erlebnis.

Seinerzeit standen die Fans beider Lager freundschaftlich verbunden gemeinsam im Stadion. Kann man hier als Schiedsrichter also von dankbaren Rahmenbedingungen sprechen oder ist es dann doch eher eine klassische Derby-Atmosphäre, die solche Spiele auch für die Referees besonders macht?

Also bei diesem Spiel habe ich mir keine Derby-Atmosphäre gewünscht. Da habe ich mir schon gewünscht, dass es für die Zuschauenden ein interessantes Spiel ist. Die Rivalität hat sich dann schon auf dem Feld ergeben, da gab es sogar einen Spieler von Hertha, der war kurz davor, eine Rote Karte zu kriegen. Die Spieler haben es auf jeden Fall ernster genommen als die Fans. Die waren einfach glückselig. Damals war auch eine ganz andere Verbundenheit da als heute. Zu Mauerzeiten hing bei jedem Hertha-Spiel eine Union-Fahne im Stadion. Heute kann man da ja schon von einer gewissen Rivalität sprechen. Zu meiner Zeit im BFV-Präsidium hatte ich vorgeschlagen, das Spiel von damals noch mal neu aufzulegen, aber das wollten die Vereine nicht wegen der Rivalität, die heute besteht.

In deiner Vita verbirgt sich ein zweites äußerst denkwürdiges Spiel: 1995 stieg der FC St. Pauli mit einem 5:0-Heimsieg am Millerntor gegen den FC Homburg in die 1. Bundesliga auf. Bereits drei Minuten vor Ablauf der 90 Minuten stürmten die St. Pauli-Fans nach einem missverstandenen Elfmeterpfiff von dir den Platz, welchen du in der Folge prompt als Abpfiff gewertet hast. Wie muss man sich diese ganze Situation vorstellen?

Wir waren damals schon darauf vorbereitet, dass es etwas turbulent werden könnte. Die Homburger, die vor dem Spieltag bereits als Absteiger feststanden, hatten in den Schlussminuten auch schon den Wunsch geäußert, dass ich bitte pünktlich abpfeifen soll, damit sie dann direkt in die Kabine können, wenn die Fans den Platz stürmen. Ab fünf Minuten vor Spielende wurden dann die Zäune überklettert und es wurde immer enger am Spielfeldrand. Ich habe dann kaum noch etwas gepfiffen, damit kein Pfiff falsch interpretiert wird. Dann gab es aber eine glasklare Elfmeter-Situation, die ich pfeifen musste, und der Pfiff war noch nicht ganz verstummt, da stürmten die Fans auf den Rasen. Ich habe dann geistesgegenwärtig vom Elfmeterpunkt weg in Richtung Kabinen gezeigt und damit den Abpfiff angedeutet. Mein Gespann und ich sind dann mit den Homburgern in die Kabinen gerannt, draußen wurde gefeiert, der Pauli-Präsident hat mit den Spielern die Raupe gemacht, wir Schiris haben in der Kabine auch ein Glas Sekt getrunken und nach etwa 15 Minuten kam der 2. Vorsitzende von St. Pauli rein und meinte plötzlich, der Rasen sei jetzt geräumt und das Spiel könnte weitergehen. Ich habe ihm gesagt, dass das Spiel vorbei sei und ich ordnungsgemäß abgepfiffen hätte. Mein Schiedsrichterbeobachter hat sich dann auch bei mir erkundigt. Dem habe ich meine Uhr gezeigt, die ich in der Kabine einfach noch drei Minuten zu Ende hatte laufen lassen, und gesagt ‚Guck hier, meine Uhr ist abgelaufen, die ist maßgebend und das Spiel ist somit vorbei‘. Man muss natürlich sagen, dass sowas heutzutage nicht mehr ginge. Damals waren alle froh, wie das gelöst worden ist. Heute ist ja alles ganz genau und höchst juristisch, da würde mir niemand abnehmen, dass meine Uhr einen Zeitsprung vollzogen hat. Hinterher als wir noch etwas auf dem Kiez unterwegs waren, wurden wir auch unentwegt von St. Pauli-Fans angesprochen, ob der Aufstieg denn wirklich sicher sei. Denen haben wir gesagt, dass alles ordnungsgemäß sei, und haben das eine oder andere Bier in die Hand gedrückt gekriegt.

Der Höhepunkt der Geschichte war dann, dass ich 2010 zur 100-Jahr-Feier vom FC St. Pauli eingeladen wurde und dort in einem Theater noch mal das Aufstiegsspiel aufgeführt wurde. Da habe ich dann auch erstmals im Bühnenprogramm zugegeben, dass die Uhr damals vielleicht doch noch nicht ganz abgelaufen war. Auf der Veranstaltung habe ich auch den Schauspieler Axel Prahl kennengelernt, der großer St. Pauli-Fan ist. Mit dem stand ich zusammen und dann hat ein Fan nach einem Foto gefragt, Axel Prahl stellte sich neben ihn hin und der sagt plötzlich nein, er möchte mit mir ein Foto machen und drückte Axel Prahl sein Smartphone in die Hand. Das war sehr lustig. Und den Axel Prahl habe ich später auch ein paarmal mit Schiedsrichter-Kumpels von mir besucht, wenn er mit seiner Band in Berlin gespielt hat. Ich habe auch ein signiertes Bild von ihm zu Hause an der Wand hängen, da bin ich sehr stolz drauf.

Auch nach deiner aktiven Zeit bist du dem Schiedsrichter*innenwesen bis heute in verschiedenen ehrenamtlichen Funktionen treu geblieben. Weshalb ist es dir ein Anliegen, hier weiter engagiert zu bleiben?

Ich war eine sehr lange Zeit aktiv als Schiedsrichter unterwegs mit Spielleitungen in der 2. Bundesliga und als Assistent in der 1. Bundesliga. Das war eine großartige Zeit und auch wenn man es natürlich ernst nehmen musste, war das damals noch viel mehr ein Hobby, als es das heute ist. Da ist man als Gespann nach den Spielen mindestens noch etwas um die Häuser gezogen, oft wurde man auch von den Vereinen eingeladen. Highlights waren da ein Besuch im Oktoberfest-Zelt des FC Bayern oder auf dem Cannstatter Wasen beim VfB Stuttgart. Da wollte ich nach dieser großartigen Zeit dem Schiri-Wesen einfach auch etwas zurückgeben. Ich bin dann, nachdem ich auch schon lange parallel Lehrgemeinschaftsleiter in Charlottenburg war, Lehrwart beim BFV geworden, dann Chefansetzer, Schiedsrichterausschussvorsitzender und bin jetzt im Ältestenrat.

Warum kannst du fußballinteressierten Menschen ans Herz legen, den Weg als Schiedsrichter*in einzuschlagen?

Wie wir auf dem Platz mit 22 Menschen zurechtkommen und anschließend meistens alle zufrieden sind, das prägt einen schon. Bei mir kam sogar noch eine besondere Wechselwirkung dazu: Ich war beruflich als Beamter in der Strafverfolgung tätig, wo man ein gewisses Auftreten haben musste, und da haben sich meine beiden Tätigkeiten gegenseitig positiv beeinflusst. Außerdem sind in der Zeit als Schiedsrichter auch Freundschaften entstanden, die ich auf keinen Fall missen will. Wenn ich heute immer noch mitbekomme, wie die jungen Schiris im Leistungskader über den Osterlehrgang reden, bei dem Schiris aus jedem Landesverband zusammenkommen, dann merkt man, dass da immer noch Kontakte und Freundschaften entstehen, die lange aufrechterhalten werden. Als ich im Lehrwesen und als Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses tätig war, sind auch zahlreiche Talente gefördert worden, die es heute bis in die höchsten Spielklassen gebracht haben. Daniel Siebert, Lasse Koslowski, Robert Wessel, Philipp Vierock (Kutscher), Max Burda, die wurden alle in der Zeit ausgebildet, in der ich die Verantwortung getragen habe, und wir haben immer noch regen Kontakt, treffen uns auf Kaltgetränke und bei Veranstaltungen. Und wenn ich Fußball gucke, dann schaue ich immer, ob einer unserer Berliner Leute dabei ist, und dann redet man anschließend über die Spiele und bespricht auch noch mal einzelne Entscheidungen. Da sind richtige Freundschaften entstanden. Und auch heute ist es noch schön, wenn ich jemanden, den ich mal im Nachwuchsbereich beobachtet habe, im Elitebereich pfeifen sehe, sagen zu können: ‚Dem hast du mal einen Tipp gegeben‘.

Danke für das spannende Gespräch, Bodo!

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