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„Der Fußball hat mich nicht mehr losgelassen“

Auf dem Ordentlichen Verbandstag am 18. September 2004 wurde Bernd Schultz zum Präsidenten des Berliner Fußball-Verbandes gewählt. 20 Jahre Präsidentschaft, das ist nicht nur eine beeindruckende Zahl, sondern bietet auch den perfekten Anlass, um einen Einblick zu geben in eine Amtszeit voller spannender Entwicklungen, großer Herausforderungen, aufregender sportlicher Höhepunkte und sportpolitischer Ziele. 

 

Herr Schultz, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Amtsjubiläum! Seit nun mehr 20 Jahren sind Sie als Präsident des BFV tätig. Mit welcher Intention sind Sie beim Verbandstag 2004 als Präsidentschaftskandidat angetreten? 

Es ging seinerzeit um die Nachfolge von Otto Höhne, der nach 14 Jahren Präsidentschaft nicht mehr kandidiert hat, und insgesamt darum, einen Verjüngungsprozess im Präsidium anzustoßen. Ziel war es, die Themen, die gemeinsam mit Otto Höhne begonnen worden waren, weiter voranzutreiben, allen voran die Wiedervereinigung des Berliner Fußballs nach dem Mauerfall.

Wie wurde bei Ihnen in Ihrer Jugend die Begeisterung für den Fußball geweckt? 

1974 war mein Bruder Ersatztorhüter beim damaligen Verein Wacker 04, die die Aufstiegsgrunde zur Bundesliga spielten. So bestand dort eine sehr enge familiäre Bindung. Er wurde dann Jugendtrainer im Verein und brauchte jemanden, der ein paar administrative Aufgaben erledigt. So kam es zu meiner ersten Betreuer-Tätigkeit bei Wacker 04 und seitdem hat mich der Fußball nicht mehr losgelassen.

Wie kann man sich einen typischen Arbeitstag des Präsidenten eines Fußballverbandes vorstellen? 

Da sind zum einen die wiederkehrenden täglichen Aufgaben, wie zum Beispiel das Abstimmen von Terminen, die Kommunikation mit den anderen Präsidiumsmitgliedern zu Fachfragen sowie die inhaltliche Abstimmung mit der Geschäftsführung. Ansonsten sind es oftmals sehr schöne Veranstaltungen, die es hier in Berlin zu begleiten gibt, aber natürlich auch Pflichttermine, die man in meiner Funktion wahrzunehmen hat, wie die Präsidiumsversammlung des LSB Berlin oder Gespräche auf politischer Ebene.

Haben sich die Arbeitsabläufe im Laufe der Jahre verändert? 

Was sich sehr verändert hat, ist eindeutig die Digitalisierung. Das sieht man schon an der Zusammensetzung der Geschäftsstelle. Wir hatten früher noch ganz klassisch Sekretärinnen, die vornehmlich geschrieben und auch noch Diktate aufgenommen haben. Das hat sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt, so dass inzwischen fast alles per E-Mail oder über Chat-Nachrichten erledigt wird, wodurch vieles schneller geht. Auch verändert hat sich eindeutig die Zusammenarbeit mit dem DFB. Früher beschränkte sich diese auf gelegentliche Nachrichten und Anrufe. Heute haben wir zum Beispiel eine ständige Konferenz der Landespräsidenten und generell einen viel intensiveren Austausch, so dass der BFV mehr Einfluss auf Themen nehmen kann.

An welche Momente denken Sie aus Ihrer Zeit als BFV-Präsident gerne zurück? 

Das sind natürlich die großen sportlichen Highlights. Wir hatten in Berlin 2006 das Finale der Männer-Weltmeisterschaft, wir haben 2011 die Frauen-WM im ausverkauften Olympiastadion eröffnet, wir hatten Champions League-Endspiele der Frauen und Männer in der Stadt und zuletzt die EURO 2024. Diese Großereignisse sind es, die im Gedächtnis bleiben. Es sind aber auch die jährlichen Pokalendspiele, die wir auf Landesebene haben, wo vor allem mit dem „Finaltag der Amateure“ in den letzten Jahren ein Format entstanden ist, das in Europa seinesgleichen sucht.

Was würden Sie in Ihrer Amtszeit als Ihre größte Herausforderung betrachten? 

Ganz klar die Bewältigung der COVID 19-Pandemie mit allen Dingen, die dazugehörten, wie etwa Regelungen für einen Saisonabbruch zu schaffen. Das war eine große Herausforderung, weil dabei sehr viele Aktive zusammenrücken und Fragen klären mussten, und das nicht nur im BFV, sondern bis hoch auf DFB-Ebene: Wie geht man mit der Situation um? Wie kommen die Vereine durch die Pandemie? Wie kann man als Verband helfen, damit bestimmte Dinge weiter funktionieren können? Wir hatten dann zudem die Herausforderung, dass der Berliner Senat innerhalb der NOFV-Region am restriktivsten war. In anderen Bundesländern hätte man bereits spielen können, aber die Regionalliga Nordost musste trotzdem weiter pausieren, weil man in Berlin noch nicht durfte. Das waren herausfordernde Zeiten, in denen man viele Gespräche führen musste.

Beim Verbandstag 2021 gab es erstmals in Ihrer Amtszeit eine Gegenkandidatur auf den Präsidentschaftsposten. Inwieweit braucht es solche Herausforderungen, um sich selbst noch einmal weiterzuentwickeln und Neues im Verband anzustoßen? 

Grundsätzlich sei gesagt, dass Kandidaturen in demokratischen Organisationen selbstverständlich sind und man sich vor Verbandstagen immer Gedanken darüber macht, was in den nächsten vier Jahren passieren soll. Dennoch bewirkt so eine Situation, dass man noch intensiver über Themen nachdenkt und im Team gemeinsam Überlegungen anstellt, wo die Schwerpunkte gesetzt werden, wohin man den Verband entwickeln will und welche Unterschiede zur Gegenkandidatur deutlich gemacht werden sollen. Wir haben sehr intensiv getagt, Inhalte abgesprochen und Ideen entwickelt. Insofern war das eine sehr arbeitsintensive Phase, aber auch eine Zeit, die dazu beigetragen hat, dass innerhalb des Präsidiums eine sehr starke Gemeinschaft entstanden ist. Man kann als Präsident oder Präsidentin vielleicht viele Ideen haben und viel Zeit investieren, aber bewirken kann man nur etwas, wenn man für die einzelnen Fachbereiche die entsprechenden Fachleute hat, auf die man sich verlassen kann und die die richtigen Entscheidungen treffen. Das ist im aktuellen Präsidium so und macht auch in der Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung und allen Mitarbeitenden einen großen Spaß.

Auf dem Arbeits-Verbandstag 2019 wurde das Projekt „Future BFV“ ins Leben gerufen, mit welchem das Ziel verfolgt wird, bis zum Verbandstag 2025 der modernste und innovativste Landesverband Deutschlands zu sein. Wo sehen Sie den BFV, etwa ein Jahr vor dem anstehenden Verbandstag 2025, auf dem Weg zu diesem Ziel? 

Wir sind auf einem guten Weg. Aus den Zukunftswerkstätten haben wir 108 Handlungsempfehlungen erhalten, die nach dem Arbeits-Verbandstag 2023 noch einmal neu betrachtet und zusammengeführt worden sind. Zudem haben wir Arbeitspakete geschnürt und die Projektleitung mit einem neuen Vizepräsidenten Future BFV neu aufgesetzt. Ich glaube, wir werden 2025 in der Lage sein, den Vereinen zwar vorerst keinen Abschlussbericht zu allen Handlungsempfehlungen vorzulegen, aber wir werden schon in sehr vielen Punkten so weit sein, den Vereinen zeigen zu können, dass ihre Interessen ernstgenommen und je nach Realisierbarkeit auch umgesetzt wurden.

Und zum Abschluss: Drei Dinge, die Sie sich für den Berliner Fußball wünschen? 

Der erste Punkt ist die Verbesserung der Sportinfrastruktur. Dazu gehört die Erweiterung, aber auch der Unterhalt und die ständige Pflege und Erneuerung, der vorhandenen Sportanlagen. Das Zweite ist, dass wir den Fairplay-Gedanken in den Mittelpunkt stellen, auch dahingehend, wie wir neben dem Platz miteinander umgehen. Und der dritte Wunsch ist, dass der Berliner Fußball ein Bereich bleibt, in dem die Menschen sich wohlfühlen, in dem sie sich zu Hause fühlen, und dass wir in diesem Zusammenhang bei Kindern und Jugendlichen die Sportart Nummer eins bleiben und auch bei den Mädchen weiterhin Zuwächse haben, damit der Frauen- und Mädchenfußball sich weiterentwickelt.

Vielen Dank für das Interview! 

 

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